Glossar
Morbidität
Morbidität
Morbidität bezeichnet in der Epidemiologie das Maß für die Häufigkeit von Krankheiten oder gesundheitlichen Beeinträchtigungen in einer definierten Bevölkerungsgruppe innerhalb eines bestimmten Zeitraums. Sie wird unterschieden in Prävalenz (Anteil der zu einem bestimmten Zeitpunkt erkrankten Personen an der Gesamtbevölkerung) und Inzidenz (Zahl der Neuerkrankungen innerhalb eines definierten Zeitraums). Im deutschen Gesundheitswesen ist Morbidität eine zentrale Steuerungsgröße für die Ressourcenallokation in der gesetzlichen Krankenversicherung und im Krankenhauswesen (RKI, Gesundheitsberichterstattung des Bundes).
Abgrenzung und Messung
Die Morbidität ist von der Mortalität zu unterscheiden, die das Sterbegeschehen in einer Bevölkerung beschreibt. Während die Mortalität auf vollständig erfassten Sterbedaten basiert, ist die Erfassung der Morbidität aufwändiger, da nicht jede Erkrankung ärztlich behandelt oder dokumentiert wird. Im deutschen Gesundheitssystem stehen für die Morbiditätsmessung verschiedene Datenquellen zur Verfügung: GKV-Abrechnungsdaten nach § 295 SGB V und § 301 SGB V, bevölkerungsrepräsentative Gesundheitsbefragungen des Robert Koch-Instituts (RKI) wie die GEDA-Studie sowie Krankheitsregister etwa für onkologische Erkrankungen.
Das RKI verantwortet die Gesundheitsberichterstattung des Bundes und veröffentlicht regelmäßig Morbiditätsdaten auf gbe-bund.de, die Krankheitshäufigkeiten nach Alter, Geschlecht und Region differenzieren (RKI, Gesundheitsberichterstattung des Bundes).
Relevanz im deutschen Gesundheitssystem
Morbidität ist eine Schlüsselgröße für mehrere Mechanismen der Gesundheitsversorgung und -finanzierung. Im morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich (Morbi-RSA) nach § 266 SGB V werden die Finanzmittel des Gesundheitsfonds auf die gesetzlichen Krankenkassen nach dem tatsächlichen Krankheitsgeschehen ihrer Versicherten verteilt. Krankenkassen mit einem überdurchschnittlich kranken Versichertenstamm erhalten höhere Zuweisungen als solche mit gesünderen Versicherten, um Risikoselektion zu vermeiden. Maßgeblich sind dabei 80 ausgewählte Krankheitsgruppen (Hierarchisierte Morbiditätsgruppen, HMG), die auf Basis der ICD-10-GM-Diagnosen der Versicherten bestimmt werden.
Im aG-DRG-System beeinflusst die Morbidität der behandelten Patienten den Case-Mix-Index (CMI) eines Krankenhauses: Häuser mit schwer erkrankten, multimorbiden Patientenpopulationen erzielen bei vollständiger Kodierung aller relevanten Nebendiagnosen höhere CMI-Werte und damit höhere Erlöse je Fall. Multimorbidität – das gleichzeitige Vorliegen mehrerer chronischer Erkrankungen – steigt mit dem Lebensalter und stellt Medizincontrolling und klinisches Case Management vor besondere Steuerungsanforderungen.
Das PKM bereitet Morbiditätsdaten und ihre Relevanz für Budgetplanung und Case-Mix-Analyse in der Weiterbildung zum Medizincontroller (IHK) auf.
FAQ
Was ist der Unterschied zwischen Morbidität und Prävalenz?
Morbidität ist der Oberbegriff für die Krankheitshäufigkeit in einer Population. Die Prävalenz ist eine spezifische Morbiditätskennzahl: Sie gibt den Anteil der Erkrankten zu einem bestimmten Zeitpunkt (Punktprävalenz) oder innerhalb eines Zeitraums (Periodenprävalenz) an. Die Inzidenz hingegen beschreibt die Rate neu aufgetretener Erkrankungen je Zeiteinheit und ist besonders relevant für die Bewertung von Präventionsmaßnahmen.
Wie wird Morbidität im Morbi-RSA gemessen?
Der Morbi-RSA nach § 266 SGB V nutzt die ambulanten und stationären Diagnosedaten der GKV-Versicherten (kodiert nach ICD-10-GM) aus dem Vorjahr, um jeden Versicherten einer oder mehrerer Hierarchisierter Morbiditätsgruppen (HMG) zuzuordnen. Aus diesen Morbiditätsprofilen berechnet das Bundesamt für Soziale Sicherung (BAS) die standardisierten Leistungsausgaben je Versicherten und den daraus resultierenden Finanzkraftausgleich zwischen den Krankenkassen.
Warum ist die vollständige ICD-10-GM-Kodierung für die Morbiditätsmessung wichtig?
Da sowohl der Morbi-RSA als auch das DRG-System auf ICD-10-GM-Diagnosen basieren, bestimmt die Vollständigkeit und Korrektheit der Diagnosekodierung maßgeblich, wie das tatsächliche Morbiditätsprofil eines Patienten im System abgebildet wird. Fehlende oder ungenaue Diagnosen führen zu einer Unterschätzung der Morbidität – mit direkten Konsequenzen für Finanzierungszuweisungen (Morbi-RSA) und Krankenhauserlöse (DRG).
Quellenverzeichnis
Robert Koch-Institut (RKI). (o. D.). Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Morbiditätsdaten und Krankheitshäufigkeiten. gbe-bund.de. https://www.gbe-bund.de
Bundesministerium der Justiz. (o. D.). § 266 SGB V – Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds (Risikostrukturausgleich). gesetze-im-internet.de. https://www.gesetze-im-internet.de/sgb_5/__266.html
Bundesministerium der Justiz. (o. D.). § 295 SGB V – Abrechnung ärztlicher Leistungen. gesetze-im-internet.de. https://www.gesetze-im-internet.de/sgb_5/__295.html
Zuletzt aktualisiert: 29.06.2026 | Geprüft von: Dominik Lindner, Ärztlicher Leiter Medizincontrolling, PKM
