Wichtige Begriffe verständlich erklärt

Glossar

Leitlinien

Leitlinien

Leitlinien sind nach der Definition der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) systematisch entwickelte, wissenschaftlich begründete und praxisorientierte Entscheidungshilfen für die angemessene ärztliche Vorgehensweise bei speziellen Gesundheitsproblemen (AWMF, Regelwerk Leitlinien). Sie sind keine Rechtsnormen und begründen keine Behandlungspflicht, bieten aber den anerkannten Stand des medizinischen Wissens und dienen als Orientierungsrahmen für diagnostische und therapeutische Entscheidungen.

Entwicklung und Klassifikation nach dem AWMF-Stufensystem

Die AWMF hat 1997 ein Klassifikationssystem eingeführt, das Leitlinien nach ihrer methodischen Qualität in Entwicklungsstufen einteilt. Das sogenannte S-Klassifikationssystem umfasst vier Stufen, wobei S für Stufe steht.

S1-Leitlinien basieren auf dem informellen Konsens einer repräsentativ zusammengesetzten Expertengruppe ohne systematische Literaturrecherche oder formale Konsensfindungsverfahren. Sie stellen die methodisch niedrigste Entwicklungsstufe dar.

S2k-Leitlinien (k = konsensbasiert) setzen einen strukturierten Konsensprozess unter neutraler Moderation voraus, zum Beispiel eine Konsensuskonferenz, ein Nominales Gruppenverfahren oder ein Delphi-Verfahren. Eine systematische Evidenzrecherche ist nicht zwingend erforderlich.

S2e-Leitlinien (e = evidenzbasiert) erfordern eine systematische Suche, Auswahl und Bewertung wissenschaftlicher Evidenz zu den relevanten klinischen Fragestellungen, verzichten jedoch auf formale Konsensfindungsverfahren.

S3-Leitlinien vereinen alle Elemente einer systematischen Entwicklung: systematische Evidenzrecherche und -bewertung, strukturierte Konsensfindung, Logik- und Entscheidungsanalyse sowie die Angabe von Evidenz- und Empfehlungsgraden zu jeder Aussage. S3-Leitlinien gelten als Goldstandard der evidenzbasierten Medizin und werden vom Leitlinienprogramm Onkologie sowie weiteren gemeinsamen Programmen der medizinischen Fachgesellschaften in dieser höchsten Qualitätsstufe entwickelt.

Rechtliche Bedeutung und Verbindlichkeit

Leitlinien sind rechtlich nicht verbindlich – der Begriff ist nicht gesetzlich geschützt, sodass auch Empfehlungen, die nicht dem AWMF-Regelwerk unterliegen, als Leitlinien bezeichnet werden können. Im Haftungsrecht jedoch können S3-Leitlinien als Beleg für den anerkannten Stand der medizinischen Wissenschaft herangezogen werden: Weicht ein Arzt ohne begründete klinische Rechtfertigung von einer S3-Leitlinie ab und entsteht dem Patienten dadurch ein Schaden, kann dies haftungsrechtlich relevant sein.

Im GKV-Leistungsrecht spielen Leitlinien in mehreren Zusammenhängen eine Rolle. Der G-BA berücksichtigt einschlägige Leitlinien bei der Methodenbewertung nach § 135 SGB V. Das IQWiG zieht Leitlinien als Evidenzbasis bei Nutzenbewertungen heran. Bei der Kodierung nach den Deutschen Kodierrichtlinien (DKR) können Leitlinien indirekt relevant sein, wenn Kodierregeln auf den Stand der medizinischen Wissenschaft verweisen.

Das PKM behandelt leitlinienrelevante Kodierkonstellationen in den fachspezifischen E-Learnings, etwa Kodierung Onkologie, Kodierung Intensivmedizin und Kodierung Kardiologie.

FAQ

Wo können Leitlinien kostenfrei abgerufen werden?

Die AWMF stellt alle registrierten Leitlinien ihrer Mitgliedsgesellschaften unter awmf.org/leitlinien kostenfrei zur Verfügung. Leitlinien des Leitlinienprogramms Onkologie sind unter leitlinienprogramm-onkologie.de abrufbar. Internationale Leitlinien, zum Beispiel der großen kardiologischen oder pneumologischen Fachgesellschaften, sind über deren jeweilige Websites zugänglich.

Darf ein Arzt von einer S3-Leitlinie abweichen?

Ja. Leitlinien sind Handlungsempfehlungen, keine Handlungsvorschriften. Die individuelle klinische Situation des Patienten, seine Präferenzen und spezifische Kontraindikationen können eine begründete Abweichung erfordern. Entscheidend ist, dass die Abweichung klinisch begründbar ist und dokumentiert wird.

Was ist der Unterschied zwischen einer Leitlinie und einem Behandlungspfad?

Eine Leitlinie ist eine evidenzbasierte, fachgesellschaftlich entwickelte Empfehlung auf nationalem oder internationalem Niveau. Ein Behandlungspfad ist die institutionsspezifische Umsetzung einer Leitlinie im jeweiligen Krankenhaus: Er konkretisiert Abläufe, Zuständigkeiten und Zeitvorgaben für eine bestimmte Einrichtung und berücksichtigt deren lokale Strukturen und Ressourcen.

Quellenverzeichnis

Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). (o. D.). Regelwerk Leitlinien – Stufenklassifikationen S1 bis S3. awmf.org. https://www.awmf.org/regelwerk/stufenklassifikationen

Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). (o. D.). AWMF-Leitlinienregister – Alle registrierten Leitlinien. awmf.org. https://www.awmf.org/leitlinien

Zuletzt aktualisiert: 29.06.2026 | Geprüft von: Dominik Lindner, Ärztlicher Leiter Medizincontrolling, PKM